Radikale Mitte
Ausstellungstexte
Mit der Demokratie ist es ein wenig wie mit der Zeit bei Augustinus. Solange man sich nicht fragt, was sie ist, ist völlig klar, was sie ist. Passend dazu höre ich Leute selten laut aussprechen, sie seien Demokrat:innen. Und das, obwohl sie über Politik Bescheid wissen, wählen gehen, sich engagieren. Als jemand, der in einer Demokratie groß geworden ist und kein anderes System am eigenen Leibe erfahren hat, könnte ich mutmaßen, es sei tautologisch, sich als Demokrat zu bezeichnen. Ich bin es qua meiner Existenz als Bürger dieses Landes; meine eigene Situiertheit ist demokratisch.
Eine ähnliche Frage ist die nach der Bürgerlichkeit. Ich habe noch nie jemanden sagen hören, dass er:sie bürgerlich sei. Bürgi ist schließlich ein Schimpfwort. Doch die legitimste Kritik entzündet sich an der eigenen Vergangenheit: Ich vermute, sie alle sind es ein bisschen. Ich sage das aus einer Position heraus, die mit ihrer eigenen Bürgerlichkeit hadert.
Oder? Über die Implikationen des Bürgerlichen lässt sich natürlich streiten. Bildung, Besitz, ein festes familiäres Netz, Privilegien und Freiheit, eine Geschirrspülmaschine? Teil des Befragens der eigenen Situiertheit ist es auch, sie auf derartige Kategorien hin abzuklopfen. Während ich hier entspannt am Rechner sitze, springt drüben in der Küche die Klappe auf und der Tab fällt klackernd zwischen die abgewetzten Goldrand-Teller. Vielleicht ist es mit der Bürgerlichkeit ja so: Die einen sehnen sich danach, die anderen sprechen nicht drüber.
Und mich erstaunt immer wieder, wie sehr marxistische Theorien im Bürgerlichen Anklang finden. Was bedeutet es, wenn man sagt, man sei Kommunist:in? Es klingt so, als ob man mehr sei als Demokrat:in. Sozusagen radikaler, als ob man darüber hinaus auch eine egalitäre gesellschaftliche Haltung hätte, die impliziert, dass man bereit sei, auf Privilegien zu verzichten – es klingt sehr gut. Gleichzeitig schwingt eine subversive Komponente mit: Man macht es sich nicht leicht, denn man ist gegen das System und meint damit tatsächlich gegen die schlechten Seiten des Systems. Doch wer sagt, er:sie sei Kommunist:in und gleichzeitig noch nie den Gedanken daran hatte, ein vergriffenes Buch aus der Bibliothek verschwinden zu lassen, werfe den ersten Stein. Das Labeln einer vermeintlichen eigenen Subversion ist ein systemimmanenter Prozess: In einer Demokratie herrscht eine Trennung von Theorie und Praxis, bei der der Blick in eine andere Richtung als die Hand wandern kann.
Ein Konstituens der Demokratie ist die Freiheit, also auch die Freiheit der Rede. Und hier wird es dann paradox: Solange man nicht sagt, man ist gegen das demokratische System, können sich viele Aussagen als prodemokratisch labeln lassen, da sie als Beiträge zur Redefreiheit gelten können. Antidemokratischen Tendenzen auf die Spur zu kommen ist etwa so schwierig, wie einen Geschmack am Geruch zu erkennen. Es geht schon, aber eine wirklich sichere Aussage lässt sich erst tätigen, wenn das Gift aus dem Körper gepumpt werden muss.
Freiheit ist eines dieser Substantive, deren Aufgabe es ist, Abstraktes zu konkretisieren. Ihre mäandernde Rolle in vielen Diskussionen zeigt aber, dass ihre Bedeutung alles andere als klar ist. Als potenzieller Zustand ist der Begriff ein dehnbarer Hohlkörper, der je nach Gusto mit weiteren Attributen gefüllt werden kann. Aber in dem Moment, wo Freiheit in Faschismus umschlägt, platzt der Körper und wird bedeutungslos. Ich ertappe mich bei der Frage, ob es nicht gerade bürgerliche Werte wie Respekt und Höflichkeit sind, die dem Facebook- und X-Faschismus Einhalt gebieten könnten. Kommt der Contenance des Bürgerlichen am Ende gar eine subversive Rolle zu? Mein linkspopulistisches 17-jähriges Ich würde mir heute sicher liebend gerne die Welt erklären und wie ich die Dinge zu sehen hätte. Umgekehrt merke ich, wie mich der Blick auf den damaligen konstanten Protest heute vor Populismus bewahrt. Die Erinnerung ist ein geschichtlicher Referenzpunkt, der als Spielball dazu taugt, sowohl negativ als auch positiv Halt zu geben.
//
Um 1850 war Deutschland noch weitestgehend landwirtschaftlich geprägt. Erst kurz zuvor hatte sich die Kartoffel als Grundnahrungsmittel durchgesetzt: Sie war nahrhaft, vergleichsweise anspruchslos im Anbau und lieferte selbst auf kleinen Feldern genügend Ertrag, um Familien zu ernähren. Als Kulturpflanze war sie äußerst beliebt. Dies führte einerseits dazu, dass sich die arme Bevölkerung nur sehr eintönig ernährte, andererseits aber auch zu einer großen Anfälligkeit für Missernten. Die Kartoffelfäule im Erntejahr 1846/47 löste schließlich eine Hungersnot aus. Das Leid und die Unzufriedenheit wurden so groß, dass immer mehr Menschen bereit waren aufzubegehren, so schreibt Thomas Nipperdey in seiner Deutschen Geschichte 1800-1866. Ein Beispiel hierfür ist die Kartoffelrevolution, die 1847 in Berlin vorrangig von Frauen angestoßen wurde. Auf die Mobilisierung der verarmten Landbevölkerung hatte auch Friedrich Hecker gebaut – vorrangig sie wollte er bei seinem Zug von Konstanz nach Karlsruhe erreichen.
Die Gesellschaftsstruktur in Südwestdeutschland unterschied sich Mitte des 19. Jahrhunderts stark vom Rest Deutschlands. Es herrschte eine besondere Erbpraxis, die so nur im Alpenraum vorkam: Bei der sogenannten Realteilung wird der Besitz nicht an den Erstgeborenen, sondern gleichmäßig an alle Kinder vererbt. Diese Art der Vererbung könnte man im frühen liberalen Sinne auch gerechter bezeichnen. Sie hatte weitreichende Folgen: Zuallererst führte sie zu mehr Individualbesitz in der Gesellschaft. Frauen waren von dieser Erbschaft nicht ausgenommen, auch sie erwarben also Besitz durch den natürlichen Ablauf der Zeit. Alle Erbenden hatten so ähnlichere Startchancen im Aufbau eines Betriebs. Gleichzeitig wurden aber die Grundstücke stark parzelliert. Teilweise wurden selbst Häuser besitzmäßig in ihre einzelnen Stockwerke oder Längsschnitte aufgeteilt. So zum Beispiel auch das Geburtshaus von Franz Sigel in Sinsheim. Besonders bezogen auf die landwirtschaftliche Nutzfläche führte diese Gliederung in immer kleinere Teile aber auch zu einer steigenden Ineffizienz in der Bewirtschaftung. Jedes Grundstück brauchte einen Zufahrtsweg, der alleine schon einen gewissen Platz einnahm. Durch Heirat oder Zukauf kam es zudem dazu, dass die kleinen Grundstücke verteilt an unterschiedlichen Orten lagen. So mussten ihre Besitzer:innen zwischen den einzelnen Parzellen hin- und herfahren. Teilweise führte man sie daher durch Flurfeldbereinigungen wieder zusammen.
All diese Prozesse führten zu einer größeren Fluktuation in der Bildung von Betrieben, aber auch zu erhöhten Preisen für Böden, die nicht im Verhältnis zu ihrer Nutzbarkeit standen, so schreibt Kurt G. Baldenhofer in seinem Lexikon des Agrarraums. Es ist sicher kein Zufall, dass sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Raiffeisenvereinigung das Genossenschaftswesen besonders in Süddeutschland herausbildete. Landwirtschaftliche Geräte können hier zusammen benutzt werden. Das besondere Erbrecht des süddeutschen Raumes hatte allerdings noch eine andere Folge: Baldenhofer schreibt, dass mit dem Modell der Realteilung Anreize zu wirtschaftlichem und sozialem Aufstieg geschaffen wurden und dass es Tüchtigkeit und innovatives Handeln gefördert habe. Dadurch, dass eine kleine Parzelle alleine oft nicht ausreichte, eine Familie zu ernähren, hatten viele Menschen eine Zusatzeinnahme im Handwerk oder Gewerbe. Die Kuckucksuhr steht in der Tradition der Realteilung. Die Barrikade des Bürgertums heißt Eigentum.
Auch heute noch sind die klassischen Anerbengebiete Baden-Württembergs ländlicher geprägt, während die Realteilungsgebiete stärker gewerblich genutzt und kultiviert sind. Im Wikipedia-Artikel zur Realteilung heißt es, dass sie eine tragende Rolle bei den Unruhen im Vormärz spielte und weiter, dass sie dazu führte, dass sich die Landbevölkerung Baden-Württembergs lange nicht als Proletarier:innen identifiziert haben, da sie ja auch noch zusätzlich ein Handwerk oder den Ackerbau ausübten. Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum sich der Sozialismus nach 1848 gedanklich eher in den Großstädten und nicht in diesem Stadt-Land-Hybrid Südwestdeutschlands durchsetzen konnte. Das Genossenschaftswesen war ja schon so etwas wie der bürgerliche Kommunismus. In einem Länd, in dem sie alles außer Hochdeutsch können.
//
Etliche Verkehrstote sollen die Platanen, die die Straßen Frankreichs säumen, bereits auf dem Gewissen haben. Man will sie bereits fällen, da spricht sich Staatspräsident Georges Pompidou höchstselbst in einem Brief aus dem Jahr 1970 dafür aus, sie zu erhalten: „Ganz gleich, welche Probleme es bei der Verkehrssicherheit gibt, wir dürfen die Landschaft nicht verschandeln.“ Dass überhaupt so viele Platanen an Frankreichs Straßen wachsen, liegt daran, dass Napoleon Bonaparte sie pflanzen ließ, damit sie seinen Soldaten auf ihren Märschen durch das Land Schatten spenden können. So verbreitete sich die Gattung auch in vielen anderen Teilen Europas.
Die Revolution 1848 in Deutschland wurde von revolutionären Ereignissen in Frankreich angestoßen. Bereits im Februar begehrte die Bevölkerung in Paris auf und forderte vom Bürgerkönig Louis-Phillipe von Orléans, endlich die massive Armut zu beseitigen und grundlegende Bürgerrechte zu gewähren. Bei den folgenden Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung konnten sich die Liberalen und Konservativen durchsetzen. Doch im Fortgang sollten sie die Nationalwerkstätten schließen, was zu einer breiten Arbeitslosigkeit und noch größerer Armut in der ohnehin schon geplagten Bevölkerung führte – einer der Ausgangspunkte dafür, dass sich die Arbeiterklasse formierte: Die Linke spaltete sich ab und kämpfte – letztlich erfolglos – in der Junirevolution weiter. Louis-Napoleon Bonaparte, im Übrigen der Neffe Napoleons, regierte das Land von 1848 bis 1870 brutal und repressiv.
Die Revolution in Paris 1848 gilt als eine der ersten, die in fotografischen Bildern festgehalten wurde. So fotografierte Auguste Hippolyte Bayard von den Stufen der kurz zuvor fertiggestellten Kirche La Madeleine herab die „Restes des Barricades“ auf der Rue Royale. Bayard ist zu ihr hinaufgestiegen und befindet sich auf einer Höhe von etwa fünf Metern über der Straße. Gerade so hoch, dass er über eine Laterne im Vordergrund hinwegsehen kann. Lose Steinhaufen und vereinzelte Karren lugen im Bild hinter dem Zaun der Kirche hervor. Man kann einzelne Menschengruppen ausmachen, die eigentlich eher wie ihre umrisshaften Schatten aussehen. Im Hintergrund Fuhrwerke auf der Rue Royale, die in Richtung des Place de la Concorde und des schemenhaften Invalidendoms läuft. Aber: All dies befindet sich eben hinter dem Zaun der Kirche, der von unten hineinragt und damit etwa ein Zehntel des Bildes verunsichert. Kein Tor, keine Öffnung, durch die wir hindurchschlüpfen könnten. Und seine Zacken sehen ziemlich schmerzhaft aus. Wieso nun also diese Sperrigkeit? In Mark Traugotts Buch The Insurgent Barricade dient die Barrikade als eine Auslöserin für den kommunikativen Prozess in einer Gruppe und wäre damit möglicherweise wichtiger zur Gemeinschaftsbildung als zur Verteidigung. Als Abschirmung schafft sie es, eine Art safe space zu sein, der auch ermöglicht, dass sich die Gruppe in seinem Bauprozess als sozialer Körper konstituiert. Der Zaun könnte ein Hinweis auf die Notwendigkeit des Innehaltens sein. Im Bild Bayards findet sich rechts neben der Laterne ein zart gefleckter vertikaler Strich, der sich bei genauem Hinsehen als ein frisch gepflanzter Baum entpuppt – einer der sogenannten Freiheitsbäume. Sie wurden in Paris nach den Revolutionen 1789 und 1848 in großen Zeremonien gepflanzt, um an die Gründung der Republik zu erinnern. Die nunmehr autoritäre Regierung unter Napoleon III. ließ diese Zeichen der Emanzipation der Bevölkerung ab 1850 jedoch entwurzeln, da sie in ihnen eine zu starke Intervention in die von Harmonie geleitete Gestaltung des öffentlichen Raumes sah. Dieser wird durch Barrikaden wie die lebendigen Wurzeln der Freiheitsbäume seiner toten Abstraktheit beraubt, die letztlich dazu dient, soziale Beziehungen zu kaschieren, so schreibt zumindest Steve Edwards in seinem Aufsatz „The Streets and the Barricades: Demos and Document in Nineteenth-Century Photography“.
Die Barrikade im Bild ist ein eiserner Zaun aus dem 19. Jahrhundert. Er existiert auch heute noch. Seit die Kirche anlässlich der Olympischen Spiele 2024 saniert wurde, strahlt er wieder in vollem Glanz. Wäre er nicht gefällt worden, hätte der noch junge Freiheitsbaum im Bildmittelgrund bis heute vielleicht die etwa anderthalb Meter breite einsame Fußgängerinsel zerstört, die das Überqueren der Straße erleichtert – oder sie gar nicht erst nötig werden lassen. Statt von Freiheitsbäumen ist die Rue Royale Im oberen Teil nahe der Kirche heute stattdessen ringsum von schattenspendenden Platanen bewachsen.
//
Hier könnte nun eigentlich das Bild eines Denkmals stehen, das von preußischer Seite 1849 zu Ehren seiner gefallenen Soldaten errichtet wurde. Ich hatte es mithilfe von Google Maps ausgekundschaftet und mir den Weg dorthin anzeigen lassen. Bus 236 Richtung Rastatt Kaufland, bei Untere Wiesen aussteigen und von dort 25 Minuten zu Fuß. Untere Wiesen liegt in einem Gewerbegebiet erster Güte. Keine Ampeln, Verkehrsinseln, Zebrastreifen oder Sonstiges, was mir als Fußgänger das Leben erleichtern würde. Ich muss nur eine Straße überqueren und dann in den Wald rein und bin schon bald da. Aber die B462 ist trotz ihrer dreistelligen Nummer ein Monstrum von Straße, das keine biologische Lebensform zulässt. Und da muss ich aufgeben und fange an, zurückzulaufen. Die Stahlkisten starren mich an. Klar, denn ich bin für diesen Ort auch total overdressed. Die 236 kommt natürlich nur einmal die Stunde (und nur in eine Richtung??). Anderthalb Stunden hat der Ausflug in diese fremde Welt gedauert. Ich nehme den Zug zurück und fahre direkt an diesem unerreichbaren Denkmal vorbei. Ich halte die Kamera bereit, aus Spaß sozusagen. Aber während es im Augenwinkel vorbeigeflogen war, drücke ich den Auslöser.
Ich habe mich darüber geärgert, bis ich diesen Text geschrieben habe. Denn mir ist aufgefallen, dass diese Geschichte doch ganz gut in die Praxis der Verunsichtbarung reaktionären Gedenkens passt. Es müssen noch einige Bundesstraßen und Barrikaden gebaut werden, damit die Kaiser-Wilhelm-Ringe, -Plätze, -Straßen oder -Kirchen in diesem Land nicht mehr erreichbar sind.
Im Badischen Viertel in Berlin-Wilmersdorf tragen die Straßen auch heute noch die Namen der Orte, in denen die preußische Armee über die demokratische Bewegung gesiegt hat. Ein kleiner Zusatz unter dem eigentlichen Straßenschild klärt uns über diesen Umstand auf. Wir sollen »Weitere Informationen an der Stele im Volkspark Wilmersdorf am westl. Zugang Volksparksteg« finden. Ich fahre zweimal dorthin und finde beide Male nichts. Ich frage eine Kioskbetreiberin und Anwohnende. Aber niemand weiß etwas über die Stele. Im Gebüsch wird sie ja nicht sein denke ich und gebe auf. Online finde ich nur sehr wenige Informationen, geschweige denn einen Standort. Dafür gibt es einen Zeitungsartikel von Karen Noetzel aus der Berliner Woche vom 27. März 2013. Darin erfahre ich, dass die Tafel 2004 von der Firma Wall gesponsert wurde und heute nicht mehr existiert: Die Glasscheibe, die das Plakat vor Regen schützte, hatte einen Sprung – das Wasser konnte ungehindert eindringen und zerstörte es. Das Plakat wurde wohl von Mitarbeitenden von Wall im Anschluss durch eine Werbung ersetzt. Im Artikel heißt es weiter, dass sich die Stadt um Ersatz bemühen möchte. Heute, 20 Jahre nach der Aufstellung, findet sich keine Spur mehr von der Stele, einzig ein Foto als Teil des Artikels. Auf dem schon auffallend welligen Plakat lässt sich der Satz entziffern: »Seine [Kaiser Wilhelm I] Schlachten gegen die Revolutionäre werden heute anders bewertet. Jetzt stehen diese Straßennamen für die Niederlage der Demokraten«.
Am 18. März 1948, auf den Tag genau 100 Jahre nachdem preußisches Militär in Berlin mehr als 250 Menschen ermordete, beantragte die SED-Fraktion der Berliner Stadtverordnetenversammlung, die Invalidensäule abzureißen. Sie war als Gegendenkmal zum Friedhof der Märzgefallenen konzipiert worden und thronte fast ein Jahrhundert über den Gräbern der gefallenen preußischen Soldaten. Der Antrag wurde bewilligt und das fast 40 Meter hohe Gebilde wurde ein halbes Jahr später dem Erdboden gleichgemacht. Die Zinkfigur an ihrer Spitze, ein Adler mit einer Flügelspannweite von acht Metern, fiel träge nach unten, zerschellte und wurde verschrottet. Heute deutet nur noch der Name des Invalidenparks auf diesen Teil der Vergangenheit hin.
Am 18. März 2023, auf den Tag genau 175 Jahre nachdem preußisches Militär in Berlin mehr als 250 Menschen ermordete, posierte ein Staatsoberhaupt vor einer aus altem Zeugs gebauten und dennoch neu aussehenden Barrikade in der Friedrichstraße in Berlin-Mitte. Frank-Walter Steinmeier hält ein Schild mit der Aufschrift »Die Demokratie ist das Ziel, nach dem die Geschichte in ganz Europa ringt«; neben ihm Franziska Giffey, die Regierende Bürgermeisterin Berlins, und Cornelia Seibeld, die Präsidentin des Abgeordnetenhauses. Sie alle schauen in eine andere Kamera als die unsere.
Im Jahr 2022 hatte Steinmeier eine Büste von Carl Schurz im Schloss Bellevue aufstellen lassen wollen. Nachdem jedoch ein Artikel von Julius Wilm erschienen war, in dem dieser über Schurz‘ Leben in den USA berichtete, genauer, über dessen Tätigkeiten als Innenminister der Vereinigten Staaten 1877 – 1881, sagte Steinmeier die Einweihung der Büste ab. Deb Haaland, Schurz‘ Amtsnachfolgerin und Angehörige des Volks der Laguna, hatte eine Untersuchung über die Einrichtung von Lagern, in die Kinder von Indigenen zur Umerziehung geschickt wurden, in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse waren schockierend: Wilm beschreibt die Rolle von Schurz dabei als eine, die zutiefst von Rassismus geprägt war. Nach erfolgter Assimilierung der Indigenen sollten sie, wenn es nach dem Innenminister ginge, nur niedere gesellschaftliche Positionen bekleiden können. Zur Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation der Indigenen trug bei, dass Schurz 1879 einen Gesetzesentwurf in den Kongress einbrachte, der vorsah, dass ihre Reservate in Parzellen aufgeteilt werden sollten, die nicht größer als 65 Hektar sein dürften und dass der übrigbleibende Rest unter Zwang zum Verkauf angeboten werden solle. Die Barrikade des Bürgertums heißt Eigentum.
Nun steht also keine Büste von Carl Schurz im Schloss Bellevue. In einem Artikel im Spiegel fordert Dirk Kurbjuweit eine Woche nach der Absage der Einweihung die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema. Er hebt dabei auch die Errungenschaften der Demokratiebewegung in Deutschland hervor. Eine Demokratiebewegung, die eben aber auch ambivalent sei. Kurbjuweit fordert schließlich die Möglichkeit der positiven Beantwortung der Frage danach, ob Schurz nach Bellevue gehört. Wie sieht es also nun aus, das Ringen, das Steinmeier auf seinem Plakat fordert? Wie tritt die Barrikade ins Bild? Die Beschreibung von Geschichte bändigt ihren Zufall. Welches ist das Denkmal, das keine Einzelpersonen als Held:innen in den Vordergrund stellt, sondern eine komplexe gesellschaftliche Struktur repräsentiert und auch die Unsichtbaren sichtbar macht?
Landkarten zu Straßenbenennungen
Die Karten zeigen Orte, an denen Straßen und Plätze nach Revolutionär:innen benannt sind. Oft wurde im Straßenbild auf die Nennung des Vornamens verzichtet.
Bei den Herweghs habe ich die meisten neutralen »Herweghstraßen« Georg Herwegh zugeordnet, da sie sich in Nachbarschaft zu Straßen befinden, die nach anderen zeitgenössischen Schriftstellern wie Georg Büchner, Ferdinand Freiligrath oder Heinrich Heine benannt wurden. Einzig die Straße in Dossenbach liegt nicht in einer solchen Umgebung; die Herweghstraße in Karlsruhe ist beiden Herweghs gewidmet. Sie tauchen in beiden Karten auf.
Die neutrale Benennung »Struveweg« oder »-straße« ist schwieriger zuzuordnen. Die Straße in Magdeburg ist nach Wikipedia Gustav Struve gewidmet. In Oranienburg liegt eine Straße im Gartenbauprojekt »Eden«. Da er Aktivist für Vegetarismus war, vermute ich hier auch ihn als Namenspaten. Die Straße in Karlsruhe ist explizit beiden gewidmet. Die Straßen in Freiburg, Heidelberg und Lottstetten tauchen in den Karten von Amalie und Gustav auf.
Kartengestaltung: Kai Behrendt

Mathilde Franziska Anneke (1817 – 1884)

Louise Aston (1814 – 1871)

Robert Blum (1807 – 1848)

Friedrich Hecker (1811 – 1881)

Emma Herwegh (1817 – 1904)

Georg Herwegh (1817 – 1875)

Carl Schurz (1829 – 1906)

Franz Sigel (1824 – 1902)

Amalie Struve (1824 – 1862)

Gustav Struve (1805 – 1870)
Interview mit Dr. Wolfgang Reinbold, Leiter des Stadtarchivs Offenburg, des »Museum im Ritterhaus« und des Gedenkortes »der Salmen«
Claudius Dorner: Mitte des 19. Jahrhunderts war die Gesellschaft im Deutschen Bund sehr heterogen strukturiert. Die Länder waren stark landwirtschaftlich geprägt, daneben aber auch vom Handwerk, es gab vereinzelt Fabriken, dazu ein starkes Bürgertum in den Städten. Viele dieser Gruppen beteiligten sich an der Revolution 1848, am Ende wurde sie jedoch niedergeschlagen. Ist die Revolution an einem fehlenden gemeinsamen Geist gescheitert?
Wolfgang Reinbold: Nein, das Scheitern liegt sicher nicht erster Linie an dieser Diversität. Die Revolution ist am Preußischen König, an den alten Eliten gescheitert, die in keiner Form für eine reformierte Monarchie zur Verfügung stehen wollten, deren Konstitution ihn einschränken würde – und an der militärischen Übermacht Preußens. Ein Beispiel: In Offenburg haben zu der Zeit etwa 4.000 Einwohner gelebt, die Preußen sind mit 11.000 Mann einmarschiert. Die Chancen standen also schlecht.
Aber ja, es stimmt: Die Gesellschaft insgesamt war noch weitgehend von der Landwirtschaft geprägt. In Großstädten wie Mannheim war das bereits weniger der Fall. Dort gab es schon in der frühen Neuzeit ein starkes Bürgertum, Handwerker, kleine Gewerbetreibende, Kaufleute, Anwälte und so weiter. Und die führenden Köpfe der revolutionären Bewegung waren eben auch zwei Anwälte aus Mannheim: Weder Friedrich Hecker noch Gustav Struve kamen vom Land und ihre politische Bewusstseinsbildung wurde sicherlich davon geprägt, dass sie in der Stadt lebten.
War die Bewegung also gar nicht so divers aufgestellt?
Doch, insgesamt war es eine sehr breite Bewegung. Es gibt zum Beispiel Überlieferungen aus dem Salmen – im Übrigen Spitzelberichte –, die eine Wahlveranstaltung zur zweiten Badischen Kammer am 12. September 1847 nachzeichnen. Dort kann man nachlesen, dass Menschen unterschiedlichster Stände vertreten waren: Frauen wie Männer, insgesamt etwa 900 Personen. 1848 dann haben 20.000 Menschen vor dem Rathaus in Offenburg protestiert, nur ein Jahr später 1849 bereits 40.000, dort war natürlich nicht nur das Bürgertum vertreten.
Weshalb sind die Proteste in so kurzer Zeit so rasant gewachsen?
Die Menschen hatten die Nase voll von den Bevormundungen, vom konservativen Metternich’schen System. Sie wollten mitbestimmen, Bildungsfreiheit – das hatte ihnen die Badische Verfassung von 1818 versprochen, war aber nie in Kraft getreten. Man musste nicht unbedingt Revolutionär:in sein, um diese Forderungen zu stellen. Hinzu kamen die Hungersnöte in jener Zeit. Gerade in den landwirtschaftlich geprägten Gebieten war man sehr abhängig von der Kartoffel und einigen wenigen Getreidesorten. Etwa 80 bis 90 Prozent der Menschen konnten sich nur einseitig ernähren. Missernten hatten da katastrophale Folgen, die Bevölkerung litt.
Wie sah es im Nachbarland Frankreich aus? Dort hatte die Revolution im Februar 1848 begonnen und revolutionäre Bewegungen aus dem Volk heraus waren bereits erfolgreicher verlaufen…
Ja, durchaus, in Frankreich gab es zwar auch eine in weiten Teilen landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft, aber dort konnten bereits 1789 die bürgerlichen Kräfte mit den Leuten vom Land ein Bündnis schließen und Adel und Klerus herausfordern.
Hat auch eine Rolle gespielt, dass Frankreich kein „Vielvölkerstaat“ war wie Deutschland? War die Bewegung dort dadurch schlagkräftiger?
Ja, Frankreich ist schon immer zentralistisch organisiert gewesen, alles konzentriert sich auf die Hauptstadt Paris. Natürlich hat das die Organisation von Protest erleichtert, aber auch die Schlagkraft im Allgemeinen erhöht. Auch in Deutschland gab es deshalb die Sehnsucht nach einem Einheitsstaat. Allein aus der Erfahrung heraus: Bis wir merken, dass wir angegriffen werden, die Truppen zusammenziehen, uns mal geeinigt haben in diesem Vielvölkerstatt – da sind wir schon besiegt.
Sie haben vorhin erwähnt, welche Menschen an den Protesten in Offenburg mitgewirkt haben – diverse Stände waren vertreten. In Berlin haben dagegen größtenteils Handwerker:innen und Arbeiter:innen protestiert. Das Parlament in Frankfurt wiederum war ein „Gelehrtenparlament“, überwiegend mit Professoren besetzt – da trafen ziemlich unterschiedliche Bildungshintergründe aufeinander…
Richtig. An der Debatte selbst haben zwar viele mitgewirkt – an der Salmenversammlung, die ich bereits kurz erwähnt habe, durften zum Beispiel alle teilnehmen, die zuhören wollten. Aber: die Kandidaten, die dann für die zweite Badische Kammer aufgestellt wurden, auch Hecker und Struve, die beiden Anwälte, das waren doch eher akademisch Gebildete. Auch diejenigen, die in die Paulskirche gewählt wurden: Intellektuelle, Professoren, Anwälte, weniger Vertreter des Handwerks oder kleine Kaufleute oder gar Arbeiter. Die Theorien wurden von Intellektuellen bestimmt und geleitet.
Hat das zu einer Übergewichtung von eher bürgerlich besetzten Forderungen wie Rede- oder Forschungsfreiheit geführt?
Ich finde diese Kategorie des „bürgerlichen“ irreführend – hier sind die „13 Forderungen des Volkes“, formuliert von Gustav Struve, schon sehr aufschlussreich: Dort heißt es in Artikel 10, „Wir verlangen Ausgleich des Missverhältnisses von Arbeit und Kapital!“. Oder in Artikel 8 „Wir verlangen eine gerechte Besteuerung“, unter der eine progressive Einkommensteuer verstanden wurde – genau das System, das wir heute haben. Da hat sich also schon eine sozialpolitische Dimension abgezeichnet, die dann später erst mit der SPD, mit der Genossenschafts-Idee und auch mit der Bismarck’schen Krankenversicherung in die deutsche Geschichte und später auch in unser Grundgesetz Einzug gehalten hat.
Eine Art frühe Sozialdemokratie?
Nun ja, nicht ganz. Die Sozialdemokratie hat sich erst danach in der Folge der Industrialisierung in Deutschland entwickelt. Aber es ist kein Zufall, dass die SPD später immer die Partei war, die die Erinnerung und das Erbe der 48er-Revolution hochgehalten hat. Die Leute, die sich im 20. Jahrhundert mit der Materie befasst haben, waren eher Linksliberale. Gustav Heinemann als Bundespräsident zum Beispiel hat 1969 angeregt, sich auch mit diesem Teil der Geschichte Deutschlands zu befassen – um nach der grausamen NS-Zeit neue Anknüpfungspunkte für eine demokratische Tradition zu finden.
Als Gedenkort hat man Rastatt gewählt – in der Rastatter Bundesfestung waren immer wieder etliche Revolutionäre eingekerkert, Soldaten haben gegen die Obrigkeit gemeutert, hier wurde die Revolution dann auch endgültig niedergeschlagen…
…das entspricht dem Gedanken der dezentralen Erinnerung. Natürlich sagen manche „Ja, schade, dass es so weit ab vom Schuss im Südwesten liegt“, aus Berliner oder Frankfurter Sicht mag das auch stimmen. Aus europäischer Perspektive heraus betrachtet liegt es ja aber im Zentrum. Und man muss auch einfach mal sehen, wie Rastatt organisatorisch angesiedelt ist. Dort ist ein Teil des Bundesarchivs. Es ist eben kein eigeständiges Museum, sondern Teil einer bundesdeutschen Erinnerungsinstitution.
Sie haben vorhin von einer sozialpolitischen Dimension gesprochen, heute existiert diese immer weniger und wird stattdessen vom Neoliberalismus verdrängt – das zeigt sich auch an Trumps Wahl in den USA. Generell scheint es kaum noch Politiker:innen zu geben, die zum Beispiel offen einen progressiven Migrationskurs verfolgen.
Die die offene Gesellschaft und Deutschland als Einwanderungsland verteidigen… Nein, wir bewegen uns leider immer mehr ins rechte Spektrum. Viele, die sich als Verlierer des Systems sehen, machen dafür ja auch die komplexen demokratischen Prozesse verantwortlich. Weil sie das Gefühl haben, dass nur die Eliten an die Macht kommen. Die, die studiert haben und dann Reibach machen. Und diejenigen wiederum, die scheinbar keinen Zugriff auf Ämter haben, die bleiben arm. Diesem Narrativ folgen immer mehr Menschen. Allerdings müssen wir aufpassen, wenn wir historische Akteure bewerten: Gustav Struve und Friedrich Hecker haben für ihre Bewegung, für ihr Narrativ, damals in der Paulskirche als sogenannte „Radikaldemokraten“ keine Mehrheit gefunden – Heinrich August Winkler, emeritierter Historiker an der Humboldt-Universität in Berlin weist darauf zum Beispiel hin. Auch die breite Bevölkerung konnten sie nicht für sich gewinnen. Entsprechend wenige Anhänger haben die gewaltsamen Aufstände mitgetragen und das Ende der Geschichte war, dass Hecker und Struve flohen. Heute würde man sie wahrscheinlich Linksterroristen nennen – sie haben ja mit Waffengewalt Aufstände vom Zaun gebrochen.
Ja, umso interessanter ist es, dass sich in Baden sehr viele mit dieser Geschichte identifizieren.
Der sogenannte Hecker-Kult hat sich sehr früh verselbstständigt: Der Hecker, der dann in die USA auswanderte, dort an der Seite von Abraham Lincoln in einem deutschen Regiment von deutschen Fourty-Eighters gegen die Sklaverei gekämpft hat – das ist der Mythos, der zelebriert wird. Ist natürlich toll, wenn jemand ein Volkstribun war, dann aber weg ist und man kann ihn zu einer Projektionsfläche für quasi alles machen. Das hat sich gehalten. Man muss aber aufpassen, wenn man Erinnerungspolitik betreibt, weil die Verhältnisse komplex waren. Wenn wir Vorbilder für unsere Demokratie suchen, muss man Hecker und Struve mit Vorsicht genießen – sie haben zu extremen Methoden gegriffen. Dabei polarisieren sie natürlich und mitunter wird ihnen die Schuld am Scheitern der Revolution gegeben. Wobei diese Frage auch oft anders beantwortet wird. Der Autor Jörg Bong zum Beispiel sieht in „Die Flamme der Freiheit“ die Hauptschuld bei den Liberalen.
Aus welchem Grund?
Er sagt, die Liberalen hätten die Demokratie verkauft und dadurch dafür gesorgt, dass die Republik nicht übernommen werden konnte. Weil sie zu zaghaft gewesen seien. Weil sie die Heckers und Struves bekämpft hätten. Aber das übersieht den Fakt, dass die Liberalen eben nicht auf Gewalt gesetzt haben, sondern stattdessen auf Kooperationen und Reformen. Ich denke, die Hauptschuld trugen die beharrenden Mächte, die Beamten, das Militär, speziell in Preußen. An denen ist es letztlich gescheitert. Aber das alles ist ja schon auch eine spezifisch südwestdeutsche Geschichtserinnerung. Je nördlicher man kommt, desto weniger kennen die Leute überhaupt Namen wie Hecker und Struve.
Eine andere Erzählung vor allem in der DDR war, dass das Bürgertum schuld daran ist. „Bürgertum“ – das ist ja überhaupt auch fast schon so eine Art Schimpfwort.
Ja, das stimmt. Von links betrachtet war das immer schon ein Topos, der in Zeiten der Systemkonkurrenz des „Kalten Krieges“ von der marxistischen Geschichtsschreibung aufgegriffen wurde. Bürgerlich, das hieß: Igitt, spießig, beharrend. All das, was man angeblich bekämpfte. Im Zweifel sogar infiziert von der NS-Herrschaft und noch damit verbunden. Die, die in den Ämtern hockengeblieben sind, die die Zeit nie reflektiert haben, die „alte Elite“. Das war ja auch die Kritik der 1968er-Bewegung an der Professoren-Universität und an den überkommenen autoritären Strukturen. Aber ich glaube, da muss man aufpassen. „Bürgertum“ ist ja auch ein kommunistischer Kampfbegriff. Das Bürgertum als solches hat es aber so nie gegeben, also als Einheitsblock. Und heute wissen wir, wie spießig und kleinbürgerlich gerade die DDR-Funktionsträger waren.
Ich bin bei meiner Recherche auf das Phänomen der Realteilung gestoßen, was dazu geführt hat, dass es in Baden und in Süddeutschland generell sehr viel Individualbesitz gab. Hat das dort auch zu einer Dynamik geführt, die die Revolution befeuert hat? Weil die Menschen gewohnt waren, anzupacken und zudem mehr besaßen, das es zu verteidigen galt?
Ich würde das aus einer anderen Perspektive betrachten: die Realteilung bedeutete immer kleinere Grundstücke für ländliche, bäuerliche Familien. Der Besitz wurde bei diesem Prinzip gleichmäßig unter allen Kindern aufgeteilt. Und das hieß letzten Endes, dass es immer schwieriger wurde, davon zu leben. Das sieht man bis heute: Niedersachsen und Brandenburg beispielsweise haben diese großen landwirtschaftlichen Flächen, die gibt es in Baden so nicht. Da haben wir Weinbauern, kleinere Parzellen mit Getreideanbau, Tabak, Mais und so etwas. Wir haben viel Obstanbau, gerade in den Schwarzwaldtälern und der Vorgebirgszone. Da hat es einmal etliche Nebenerwerbskleinbauern gegeben, was massiv in den vergangenen Jahren zurückgegangen ist. Die Realteilung war übrigens auch ein Grund dafür, dass vor 1848 so viele aus dem dörflichen Bereich aus Süddeutschland in die USA emigriert sind mit. Auch mit finanzieller Unterstützung der Dörfer.
Gleichzeitig hatte es auch den Effekt, dass sich Industrie und Handwerk in der Region so stark entwickelt haben. Wirkt das auch bis heute noch nach?
Ja, dadurch hat sich in Baden und in Württemberg eine stolze Handwerkstradition entwickelt bis hin zu späteren Firmengründungen wie Bosch, Mercedes-Benz, Porsche. All diese Firmen sind dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden, als die Industrialisierung Fahrt aufnahm. Eigentlich aber erst im Kaiserreich. Davor war das noch nicht so.
Ich möchte noch einmal zurückkommen zum Thema Rechtsextremismus: Kann das Bürgerliche präventiv gegen Rechtsextremismus wirken?
Wenn Sie sehen, wie stark bürgerliche, national-konservative Kreise vor und nach 1933 Hitler unterstützt haben, ohne dass sie die NS-Ideologie unterstützt hätten, dann habe ich meine Zweifel. Eine große Rolle spielt auch immer die Angst vor sozialem Abstieg. Auf der anderen Seite steht die Erinnerungskultur, die seit Mitte der 1970er-Jahre in Deutschland entstanden ist und Werte wie Ehrlichkeit im Umgang mit der eigenen Vergangenheit, Respekt vor dem Mut der Menschen, die Widerstand geleistet haben, vor allem aber historische Bildung und Orientierung an demokratischen Werten, auch Toleranz in den Mittelpunkt stellt. Und auch das Bewusstsein dafür, wie wichtig Schulen und Hochschulen sind, gerade im wirtschaftlich-technischen Bereich. Das prägt auch die Firmen, die hier agieren und die oft weltweit vernetzt sind, mit Handelspartnern und Firmendependancen in anderen Ländern. Die sind vor diesem Denken eher gefeit, weil es ihnen ja auch wirtschaftlich schaden würde. Was mir insbesondere hier aber auch immer wieder auffällt: In Grenzregionen ist man im Rahmen des europäischen Projekts generell offener. Da gibt es grenzüberschreitende Freundschaften, man kennt die Sprache, die andere Kultur. Ob das jedoch in Zeiten, in den Menschen nach einfachen Lösungen suchen, präventiv wirken kann – das hängt auch davon ab, wie viele Menschen sich dafür einsetzen.
In den Jahren 2018, 2019 und 2020 fand mit dem „Neuen Hambacher Fest“ auf dem Hambacher Schloss ein Rechtsaußen-Treffen statt. Die Teilnehmenden dort haben die bürgerlichen Werte von 1832 für ihre Sache instrumentalisiert…
Ja, schwieriges Thema. Damit haben wir uns hier im Salmen auch schon auseinandersetzen müssen. Der Anschluss der Rechten an die damalige Freiheitsbewegung ist der Gedanke der nationalen Einheit. Die war damals neben den ganzen Freiheitsforderungen auch zentrales Thema für die Revolutionäre. Und als sie 1870/71 dann kam und ausgerechnet in Versailles das Kaiserreich proklamiert wurde – mit einem Reichstag, aber mit eingeschränkten Rechten – haben viele der alten 48er ihren Frieden gemacht mit dem Kaiserreich. Nach dem Motto: Jetzt haben wir wenigstens mal die Einheit und das Deutsche Reich und der Rest kommt schon noch. Sei es Hambach, der Salmen, die Paulskirche – beim Thema nationale Einheit sind die Rechten anschlussfähig. Für uns, die wir mit der Erinnerungsarbeit betraut sind, ist es jetzt wichtig, genau diese Vereinnahmung zu verhindern. Wir versuchen, das Thema offen anzugehen und mit all seinen Perspektiven differenziert darzustellen.
Sie sagen, Sie haben damit auch im Salmen Ihre Erfahrungen gemacht. Sie sahen dort also auch schon Vereinnahmungsversuche?
Nicht im Übermaß. Nur sind solche Gedenk- und Erinnerungsorte, an denen Geschichtsvermittlung, aber auch Geschichtspolitik vor dem Hintergrund demokratischer Errungenschaften betrieben wird, natürlich vor Vereinnahmungen nicht geschützt. Die finden dann oft von ideologischer Seite aus statt – auch in der DDR war die Gedenkkultur ja klar ideologisch ausgerichtet, nur in die andere Richtung. Heute haben wir es dann eher mit der rechten Vereinnahmung zu tun. Ein Beispiel: Schwarz-Rot-Gold war immer die Fahne der Republik. Die Fahne der Monarchie war Schwarz-Weiß, Rot-Braun bei den Nazis. Aber Schwarz-Rot-Gold steht trotz aller 68er Kritik und diesem Unbehagen beim „Sommermärchen 2006“ traditionell für die Demokratie. Eigentlich können die Rechten das gar nicht vereinnahmen.
Dennoch tun sie genau das. Sind Flaggen oder vielleicht auch Geschichte ganz allgemein leere Behälter, die man füllen kann, womit auch immer? Wie begegnet man dieser Ambivalenz, dass es ganz viel, aber andererseits auch irgendwie nichts bedeutet?
Indem man mit einer gewissen Vorsicht damit umgeht und indem man sich dieser Ambivalenz immer bewusst ist und sie immer wieder beharrlich thematisiert. Denn letztlich ist es unsere gebrochene Geschichte, die dahintersteht. Und man muss sich darüber im Klaren sein, dass historisches Wissen eben auch verloren gehen kann, selbst wenn es noch so oft aufgeschrieben wurde. Dadurch entstehen Leerstellen, die vereinnahmt werden können. Trump ist da so ein Beispiel für jemanden, der alles zu seinen Gunsten schamlos umdefiniert. Auch das kann passieren, man muss aktiv dagegen anarbeiten. Das gilt auch für politische Parteien: Bei der SPD beispielsweise denke ich immer wieder, dass die ihre eigene Geschichte offenbar nicht mehr kennt.
Was meinen Sie?
Die SPD war damals die einzige Partei, die das Ermächtigungsgesetz von 1933 abgelehnt hat. Mutig, wo sie ja schon sehr bedrängt wurde, einige Mitglieder bereits verhaftet worden waren. Das Zentrum hat nicht „Nein“ gesagt. Und die Kommunisten selbst konnten ja auch nicht mehr, die waren auch schon in Haft. Man kann also durchaus auf bestimmte Dinge stolz sein, die in der Vergangenheit passiert sind. Ich glaub, das ist bei jeder alteingesessenen Partei so, nur leider vergessen sie es dann selbst auch immer mal. Schadet aber nicht, wenn man weiß, wo man herkommt.
Aktuell ist die CDU das Zünglein an der Waage, das verhindern könnte, dass alles vor die Hunde geht. Noch spricht Friedrich Merz von der „Brandmauer“…
Ist ja auch schwierig, wenn man irgendwie eine Regierungsfähigkeit herstellen muss, aber so viele Menschen in einer demokratischen Wahl rechts gewählt haben. Was ist, wenn die Mitte keine Mehrheit mehr findet? So war es ja in Weimar 1925. Die Weimarer Parteien – SPD, Zentrum und Demokratische Partei – hatten keine Mehrheit mehr im Parlament. Das führte damals zu Minderheitsregierungen und später Präsidialkabinetten von Hindenburgs Gnaden. Auch die wurden von links und rechts in die Zange genommen. Aber nochmal zurück zur Brandmauer gegen die AfD. Ich bin der erste, der für ein Verbotsverfahren nach Paragraph 18 Grundgesetz wäre. Höcke, Weidel und wie sie alle heißen, liefern dafür doch genug Gründe. Man stelle sich das andere Szenario vor: Dann gäbe es irgendwann einen AfD-Verfassungsschutzpräsidenten oder sowas – das wäre furchtbar.
Nun ja, im Prinzip gabs den ja bereits…
Ja, der war dann ja auch auf dem extrem rechten Auge blind.
Herr Reinbold, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.